Vom Gehen und Loslassen

Vom Gehen und vom LoslassenIch bin immer viel mit dem Auto gefahren, um meine Wege zu schaffen. Meine Wege durch die Donaustadt, den großen Wiener Stadtrandbezirk. Ins Büro, einkaufen, heim, als Mama-Taxi den einen Sohn zum Fußballtraining bringen, den anderen in die Kletterhalle. Nur in der warmen Jahreszeit haben wir viele Wege mit dem Fahrrad zurückgelegt. Allerdings nur in einem Umkreis von etwa drei Kilometern. Für alles, was darüber hinausging, wurde das Auto genommen. Zeitersparnis war der Antreiber dafür. Bis es mich vor lauter Zeitersparnis nur noch drehte.

Nach einem Wochenende, an dem ich nichts mehr tun konnte, weil mir so schwindlig war, musste ich ins Krankenhaus. Nach ein paar Tagen und vielen Untersuchungen stellte sich heraus: Körperlich fast alles in Ordnung, massive Verspannungen waren der Auslöser für den Schwindel. Dann nach dringender Empfehlung der Ärzte, leiser zu treten, die Erkenntnis: Zu viel Stress in meinem Leben. Ich hatte wohl zu viel Zeit gespart.

Als ersten Schritt  in ein entschleunigtes Leben gab ich dem schon länger schwelenden Wunsch nach einer Öffi-Jahreskarte nach. Seit mehr als zwei Jahren bin ich wieder stolze Besitzerin einer Netzkarte für die Wiener Linien. Obwohl ich ein Auto habe. Und viele meiner Wege mit dem Auto schneller zurückzulegen wären. Zur nächsten U-Bahn-Station brauche ich zu Fuß eine Viertelstunde. Ich marschiere durch unsere Reihenhaussiedlung, vorbei an neu gebauten Wohnhäusern auf der linken Seite und Feldern auf der rechten Seite. Gehend nehme ich meine Umgebung anders wahr. Im Herbst lag auf meinem Weg zum Bus zum Beispiel der Duft von frischem Kraut in der Luft. Der Gärtner hatte gerade seinen Krautacker abgeerntet. Im Frühling und Sommer sehe ich, wie das Getreide immer höher und reifer wird.

Mittlerweile nimmt das Gehen in meinem Leben einen wichtigen Raum ein, es entspricht meinem Biorhythmus. Vor gar nicht allzu langer Zeit habe ich mir selber viel zu wenig „erlaubt“, zu gehen: einmal pro Woche zum Yoga und einmal pro Woche zum Nordic Walking. Und hin und wieder zu einem Spaziergang mit meiner Schwester oder einer Freundin.

Nun habe ich das Gehen in meinen Alltag eingebaut. Und gleichzeitig auch gelernt, meine Söhne ein wenig loszulassen. Für viele Wege brauchen sie mich nicht mehr. Das Mama-Taxi hat zwar noch nicht ganz ausgedient, aber zur Schule, zum Sport oder zu Freunden kommen meine Kinder auch alleine. Sie sind ja beide schon längst Teenager. Zeit für uns alle, mehr eigene Wege zu gehen.

2 Gedanken zu “Vom Gehen und Loslassen

  1. Liebe Silvia!
    Schön geschrieben, Dein Post vom Gehen und „gehen lassen“! Ich möchte versuchen, zumindest im Sommer, mit dem Fahrrad zur Arbeit zu fahren. Leider gibt es durch Essling keinen Radweg, der Umweg durch die Siedlung ist doch recht umständlich. Ich bin schon gespannt, ob ich meinen inneren Schweinehund besiegen kann.
    Ganz liebe Grüße
    Karen

    • Dankeschön. Und danke auch für den eigentlich besseren Titel „Gehen und gehen lassen“. Interessanterweise hat mir auch eine Freundin genau das als Betreff in ein Mail zum Blogbeitrag geschrieben „gehen und gehen lassen“. Wie schön!

      Mit dem Fahrrad zur Arbeit ist eine super Idee. Du wirst sehen, dass du deine gewohnten Strecken mit ganz anderen Augen wahrnimmst.

      Alles Liebe, Silvia

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