
Wie kann eine Rezension einem Buch jemals gerecht werden? Ich habe in der vergangenen Woche „Befragungen mit macis méz“ von Silvia Hlavin gelesen. Mich in dem Buch verloren, wiedergefunden, neu erlebt … Es geht um starke Frauen, ums Hadern mit sich selbst, um die Menopause, um Familie, um Janos, 1956 aus Ungarn geflohen. Und um Liebe, natürlich um Liebe … in den unterschiedlichsten Ausprägungen … hetero, homo, Familie, Herkunftsfamilie, Schwiegerfamilie …
Der Klappentext zu „Befragungen mit macis méz“ verhilft zu einem ersten Überblick: „Ungarn 1956: János, ein junger Student, wird denunziert. Er flieht der Gefahr über die grüne Grenze nach Österreich. Darüber, was der Verlust der Heimat für ihn bedeutet oder was er in den ersten Jahren in Wien erlebt, verliert er nie ein Wort. Seine Nachrichten nach Budapest, welche die Zensur passieren, sind mehr als dürftig. Seine jüngere Schwester Ági riskiert viel, als sie ihn unerlaubt besucht, um den Eltern in Budapest Augenzeugin zu werden: Dem Sohn geht es gut, er hat Arbeit in einer Gärtnerei, er ist verliebt.
70 Jahre später wird János’ Tochter Christina beschließen, über Ági und János zu schreiben, über ihren Mut und denjenigen ihrer Mutter, die einen Ungarnflüchtling heiratete, der in den Augen der Eltern ein Nichts war, weil er nichts hatte. Nur Liebe für seine Frau und seine Tochter.
Spätestens an diesem Punkt steht Christina vor der Frage nach eigenem Sein: Wie viel Mut braucht ein selbstbestimmtes Leben oder ist es bereits mutig in dieser Welt, dem Leben zu vertrauen.„

Ich habe das Buch in Wien begonnen und zu einem Kurzurlaub an den Neusiedler See mitgenommen. Aus dieser unbewussten Entscheidung ist eine ganz eigene Nähe zu der Geschichte entstanden, gehört doch der Neusiedler See wie die Protagonistin im Buch zum größeren Teil zu Österreich, zum Teil aber eben auch zu Ungarn.
Auf der großen Liegewiese und am Steg des direkt am Neusiedler See gelegenen Hotels habe ich während und nach der Lektüre einen großen Drang und viel Muße zum Nachdenken gehabt, nachdenken über so vieles: Die Geschichte von Eltern und Großeltern; das eigene Leben; die Menopause; Flucht an sich und im besonderen nach dem Ungarn-Aufstand 1956 nach Österreich; Wien-Kagran und Budapest; Fragen, die einem bei einem Interview gestellt werden könnten; sich selbst im Lesen wiedererkennen, auch wenn die eigene Geschichte eine ganz andere ist …

Das Buch ist so vieles, auch eine Liebeserklärung: Man liest oft über Probleme in Paarbeziehungen, hier hingegen ist eine über Jahrzehnte andauernde große Liebe selbstverständlicher Nebenschauplatz, was ich als extrem erfrischend, erfreulich und erbauend empfinde.
In dem sprachlich fein erzählten Buch von Silvia Hlavin nehmen auch die Polaritäten des Lebens Raum ein. Diese Waagschalen bzw. Gewichtungen sind auch bildlich von der Autorin dargestellt in immer wiederkehrenden kleinen Vignetten. Für mich zeigen sich in den Waagschalen und Gewichten u.a. zwei Sprachen, zwei mutige Frauen: österreichische Mutter und ungarische Tante, zwei Paar Großeltern, zwei Neubeginne, zwei Länder, alte und neue Geschichten, Gärtnerei und Büro, Rosen und Bücher, Buchhalterin und Schriftstellerin, …

Am Heimweg vom Neusiedler See haben wir uns spontan noch Schloss Esterházy in Eisenstadt angeschaut. Inklusive einer Ausstellung über Melinda Esterházy, gebürtige Ungarin, die mit ihrem Mann Paul Esterházy ebenfalls 1956 aus Ungarn fliehen musste. So wie knapp 200.000 Menschen. Wie János Farkas, Vater von Schriftstellerin Silvia Hlavin und deren Protagonistin Christina.
So viele Menschen, es ist erst 70 Jahre her, und doch wird es heute kaum noch thematisiert. Umso wichtiger ist es, dass zumindest die Geschichte eines dieser Ungarn-Flüchtlinge aufgeschrieben wurde! Die Autorin lässt ihre Christina auf Seite 106 von „Befragungen mit macis méz“ auf eine Haftnotiz schreiben: „Nur ich kann diese Geschichte schreiben, weil ich die Menschen darin kenne, auch wenn ich nicht alles weiß.“
Wie eine Rezension einem Buch jemals gerecht werden kann, weiß ich nicht. Ich weiß nur: Genau so sollen Bücher sein! Mit Geschichten, die unter die Haut gehen, aus denen man Neues lernt und auch noch Erkenntnisse mitnehmen kann. In einer Sprache, die berührt, mit Sätzen, die überraschen und bleiben …
Und so kann ich nur festhalten: Das Lesen dieses Buches war eine Herzensangelegenheit, dieser Buchtipp ist eine Herzensempfehlung: Lest „Befragungen mit macis méz“ von Silvia Hlavin!
Es gibt bereits mehrere Termine für Lesungen mit Silvia Hlavin, die Erstpräsentation von „Befragungen mit macis méz“ findet am 30.10.2026 um 19 Uhr in der Buchhandlung Seeseiten statt: https://seeseiten.buchkatalog.at/content/Veranstaltungen
Weitere Termine und Infos:
Autorin: http://www.silvia-hlavin.at/macismez.phphttp://www.silvia-hlavin.at/macismez.php
Verlag: https://www.edition-arthof.com/shop/silvia-hlavin-befragungen-mit-macis-mez/
PS: Wenn man sich für jemand anderen wünscht, dass Träume wahr werden: Ich wünsche dem Buch einen großen Erfolg und im allerbesten Fall eine nachträgliche Veröffentlichung des Wal-Buches, um das es in „Befragungen mit macis méz“ auch geht.
PPS: Ich mag das Zitat auf der Rückseite des Buches:










