Orther Herbstgeschichte

Seit einiger Zeit bin ich bei einer Esslinger Schreibgruppe mit dabei. Weil ich so den Kopf frei bekomme und mir das Schreiben Spaß macht. Heute blogge ich einen Text, der nach einem Schreibimpuls von Evi beim letzten Online-Schreibgruppentreffen entstanden ist: Lebensfreude.

Lebensfreude

Wieder ist es Herbst geworden. Mit Kälte, Regen, Nebel und ja, auch Sonnenschein. Wann immer es geht, nutze ich diesen Sonnenschein, mache mir einen großen Kaffee mit viel Milchschaum und setze mich auf den Balkon in die Sonne. Die Terrasse im Garten fällt ab Herbst aus, das Nachbarhaus steht der Sonne im Weg. Durch den Balkon öffnet sich aber zuhause ein neuer Draußenraum, eine neue Perspektive. Im Herbst und Winter sehe ich mir den Garten und die Umgebung von oben an. Manchmal sehe ich auch nichts, dann sitze ich mit geschlossenen Augen und genieße die Wärme der Sonnenstrahlen.

Aber auch wolkenverhangene Tage können Gutes bringen. Wir haben heuer viele Ausflüge nach Orth an der Donau gemacht. Weil ich die Donau so mag. Und die dortige Fährstation ein fest vertäutes Schiff mit einem Kaffeehaus am Oberdeck ist. Viele Male sind wir heuer die Donau am Orther Ufer entlang spaziert und haben uns anschließend einen Kaffee an Deck gegönnt. Manchmal auch eine Mehlspeise. Die herrlichen Scheiterhaufen oder Kardinalschnitten und sonstigen Leckereien werden „von der Oma“ gemacht. Diese Oma ist immer da, immer am Schiff.

Am letzten offenen Fähr-Wochenende Anfang November war es bewölkt und grau in grau, aber windstill. Also beschlossen wir, wieder einmal nach Orth zu fahren. Zuerst spazierten wir die Donau entlang. Da fiel uns ein Schild auf, „Uferhaus-Rundweg“. Wir schauten uns an und marschierten beinahe gleichzeitig los. Weg von meiner geliebten Donau, hinein in den Auwald. Wir begegneten kaum einer Menschenseele. Mal gingen wir hintereinander auf moosigem Waldboden, dann nebeneinander auf gelb-orange-rot-braunem Blätterteppich. Der Geruch von Pilzen begleitete uns. Zeitweise plauderten wir, dann gingen wir in Gedanken versunken dahin. Wir hörten Spechte ihre Arbeit tun. Und entdeckten blühende Mini-Orchideen.

Der Rundweg endete ziemlich genau bei der Fährstation. Wir kauften uns noch einen Coffee-to-go an Deck des Schiffes, bald begann es zu tröpfeln. Hinein in den Bauch des Schiffes und etwas Süßes zum Mitnehmen ausgesucht. Die Oma saß da, wir plauderten ein wenig. Zum Abschied drückte sie meinem Mann eine Visitenkarte in die Hand mit den Worten „Kinder, wenn ihr Mehlspeisen braucht, ruft mich an. Ich kann sie euch jederzeit rausbringen.“

Ich bin 50, mein Mann 55 – und da sagt diese fremde Frau „Kinder“ zu uns, die ganze Heimfahrt über hatte ich ein Lächeln im Gesicht.

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