Schwesternbriefe: Alltagsmissgeschicke

Bevor es im nächsten Brief heftig wird, hier ein relativ leichtfüßiger u.a. mit Alltagsmissgeschicken von Elisabeth. Im Jahr 1977 ist Elisabeth 46 Jahre alt, Karin 33. Im Brief ist auch die Rede von einer Ablichtung vom „Leben nach dem Tod“, diese ist leider nicht erhalten geblieben. Aber Elisabeth hat Karin folgenden Zeitungsausschnitt mitgeschickt:

Es ist mittlerweile fast schon unvorstellbar geworden, Botschaften, Nachrichten, Fotos usw. nicht in Sekundenschnelle an wen auch immer man mag zu versenden. Dementsprechend schnell ist auch sehr vieles wieder vergessen. Aber wenn man tage-, wochen- oder gar monatelang auf einen Brief wartet, ist das Lesen desselben wesentlich intensiver und der Inhalt bleibt länger im Gedächtnis. Und ich frage mich: Hatten die Briefe und mitgeschickten Texte, Kopien, Zeitungsausschnitte mehr Gewicht und Aussagekraft als dies heutzutage der Fall ist? Haben die Menschen (zumindest teilweise) mehr nachgedacht? Oder ist diese meine Nachdenklichkeit „nur“ dem Buch geschuldet, das ich grad zu Ende gelesen habe (und sehr empfehlen kann): „Mitte des Lebens“ der Schweizer Philosophin Barbara Bleisch. Das Buch haben wir in den Seeseiten als Vorab-Leseexemplare vom Verlag bekommen, es erscheint erst am 22.7.2024, ist aber schon vorbestellbar https://seeseiten.buchkatalog.at/mitte-des-lebens-9783446279681

Bevor ich mich noch weiter verliere, hier ist der Brief:


11.3.77

Mein lieber Schatz!
Du bist ein Juwel! Ich danke Dir von Herzen für Deinen lb. Brief u. die Ablichtung vom „Leben nach dem Tod“. Das war genau das richtige im richtigen Moment! Hat mir enorm gut getan, mich gewärmt u. gestärkt u. gefestigt. Ich rede von beidem: Artikel u. Brief! Wie recht hast Du wieder einmal! Ich soll mich nicht sorgen, ich soll nicht strampeln nach irgendeinem Ziel – wir brauchen nur horchen, und uns der Sonne aussetzen, und den Geist bitten, daß er uns vollendet, was da so schwerfällig nachhinkt.
A-propos schwerfällig: Ich muß Dir meine letzten 3 Meisterstücke schildern:
a) Ich brauche heißes Wasser. Ich halte den Gasanzünder unter die Wasserleitung, drücke, u. wundere mich, daß kein Wasser kommt.
b) Ich rufe die Mutter an. Wie es am anderen Ende klingelt, weiß ich nicht mehr wem ich da aufläute, denke angestrengt nach, was ich denn wollte, u. kann nur hoffen, die Stimme zu erkennen u. mich wieder zu erinnern.
c) Heute mittag: ich koche Gemüsesuppe u. Seefisch. Wie die Einbrenn f.d. Suppe fertig ist, schmeiß ich den Fisch hinein, glotze ihn blöd an – na, er war noch zu retten; beinah hätte es Fischsuppe u. paniertes Gemüse gegeben!
So. Jetzt hast du wenigstens was zu lachen gehabt. Gelt?
Der Keyserling ist mir ein bißchen zu hoch. Ich wird‘ ihn sorgsam verwahren u. bei Gelegenheit erklärt kriegen. Ja?
Du sollst Dir keine Sorgen machen wegen Hans u. mir. Es geht schon wieder gut. Ich wollte nur, daß Du weißt, daß er weiß …
Deinen Brief an ihn hab ich ihm auszugsweise vorgelesen, u. zwar so, als wäre er an mich gerichtet. Ausgeklammert hab ich vor allem den leisen Vorwurf puncto Briefgeheimnis. Sowas vertragen die Herren der Schöpfung schwer. Den Artikel hätt‘ ich ihn gern lesen lassen. Er hat nur bißchen hineingerochen. Rührt u. interessiert ihn nicht. Sein Kommentar: „Ja, ja; u. wenn du dann gestorben bist, wirst du Artikel lesen über das Leben vor dem Tod!“ Dich läßt er herzlich grüßen (das ist ehrlich gemeint) u. Dir sagen, Du sollst Dir keine grauen Haare wachsen lassen, denn 1. ist seine Meinung nicht maßgebend, 2. wechselt sie mit dem Mond, 3. hält er sich selber auch oft für spinnert.
Dir selbst zu schreiben, od. gar in „Kommunikation“ mit Dir zu treten, ist ihm unmöglich. Ist ihm viel zu anstrengend. Seit ich ihn kenne, hat er nicht einmal mehr einen Muttertagsgruß an seine Mutter geschickt. Tu ich. Hoffnungslos.
Aber ein „bonmot“ muß ich Dir noch vergönnen: „Wenn es doch weniger Menschheitsbeglücker gäbe! Ihre eigenen Schwierigkeiten projizieren sie immer in Botschaften an andere! ( – Pause –) Na, und so ist auch die Bibel entstanden!“
Wenn man nicht so über ihn lachen müßte!
Getreu meinem Vorsatz, mich nicht zu vergewaltigen, begibt sich Deine Schwester jetzt zur Ruh, wohl wissend, daß sie Deinen lieben, klugen, guten, einfühlsamen Brief nur ganz oberflächlich beantwortet hat. Busserln! Gute Nacht! Deine Elisabeth


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