Schwesternbriefe: Mein großer Goldschatz!

„Mein großer Goldschatz!“ So beginnt Elisabeths erster Brief an Karin, der über die Jahrzehnte erhalten geblieben ist, datiert mit „Linz, 20. Sept. 76“. Zwischen dem vorigen und diesem Brief sind 16 Jahre vergangen. Und was für prägende Jahre das gewesen sein müssen!

Von den Ereignissen aus dieser Zeit weiß ich nicht viel, aber immerhin das hier: Karin ist erwachsen geworden und hat geheiratet. Sie hat Mitte der Sechzigerjahre knapp hintereinander zwei Söhne geboren, R. und G. Zum Zeitpunkt dieses Briefes müssen ihre Kinder also die Volksschule bereits hinter sich haben. Während ich im September 1976 sechs Jahre alt bin und gerade beginne, das für mich bis heute Allerwichtigste zu lernen: Lesen!

In den 1970ern sind wir politisch mitten in der „Kreisky-Ära“: Bruno Kreisky von der SPÖ war von 1970 – 1983 österreichischer Bundeskanzler. Zeitgeistmäßig sind Flowerpower, Schlaghosen und Grease die Schlagworte des Jahrzehnts.

Im Brief ist u.a. von dem Buch „Die Möwe Jonathan“ von Richard Bach die Rede. Ich kannte zwar den Titel, hatte es aber noch nie gelesen. Und so habe ich es mir gleich bestellt. Das Buch ist erstmals in meinem Geburtsjahr (1970) erschienen und wurde bereits drei Jahre später verfilmt. Es wurde 40 Millionen Mal verkauft und ist längst ein Klassiker. Jetzt bin ich schon neugierig darauf …

Nun aber der Brief: Die meisten Briefe von Elisabeth sind handgeschrieben, nur dieser ist einer von ein paar wenigen getippten – mit handschriftlichen Anfügungen.


Linz, 20. Sept. 76

Mein großer Goldschatz!

Heute will ichs versuchen und ganz leise tippen, vielleicht liegt mein Süßer auf den Ohren und hört es nicht.

Zu danken habe ich Dir für 2 liebe Briefe. Ich freu mich so von Herzen darüber, und es tut mir nur leid, daß diese unsere Begegnung nicht schon ein paar Jahre früher stattfinden konnte. Damals, als ich glaubte, allein zu sein mit meiner Sehnsucht und diesen Gedankengängen und diesem Suchen nach dem Leben hinter den Dingen.

Deine Sätze über „I GING“ haben mich so intensiv an einen Jesuitenpater erinnert, den ich heiß geliebt und nur halb verdaut habe (bzw. verstanden). Ich habe, glaub ich, 5 Bücher von ihm gelesen und jetzt fällt mir nicht einmal sein Name ein. Aber wenn Hans aufsteht, will ich die Stelle suchen gehen, die dieser Deiner so verwandt ist – und so beglückend und befreiend. (Meine „Schundliteratur“ wie er sie bezeichnet, liegt nämlich zu seinen Häupten, den schlafenden.)

Immer wieder muß ich denken: Wieviel weiter wäre ich heute, wenn ich Dich früher gehabt hätte. Wieviel hättest Du mir klären helfen können! Ich bin ganz überzeugt (aber nicht verzagt!), daß ich Wesentliches versäumt habe dadurch, daß ich den Schwung, den Enthusiasmus, die Begeisterung der ersten Gottesbegegnung nicht richtig nützen konnte. Aber – es ist nie zu spät. (Es geht jetzt wahrscheinlich bloß ein wenig langsamer.)

Damit wäre ich aber eigentlich bei Deinem anderen Thema: die Chance, zu reifen. Das hat mir der eine meiner Priester (ich weiß, du liebst sie nicht) auch gesagt; als ich ihm nämlich quasi vorwurfsvoll viele verpfuschte Leben unter die Nase hielt. Er habe es als Priester immer wieder erlebt, daß Menschen am Totenbett, innerhalb einer halben Stunde, einen Sprung in die Reife und Vollendung hineingetan haben, die man für völlig unmöglich halten müßte. Und er ist ganz überzeugt, daß jeder Mensch diese Chance bekommt.

Wie gut verstehe ich Deine Sorge um R.! Ist es schon so schwer genug, ein Anderssein zu verstehen, wie schmerzlich ist es dann erst beim eigenen Kind. Aber ganz sicher hörst Du die richtige Stimme, wenn sie Dir sagt, Du sollst ihn lassen, darfst nicht versuchen, ihn zu biegen nach Deinem Wunschbild (-Menschenbild). Es gibt ganz sicher verschiedene Weisen, ein gültiges Leben zu leben, auch wenn es – soweit es unsere Lieben betrifft – weh tun kann, das akzeptieren zu müssen. Ich für mein Teil bin ja zwischendurch immer wieder geneigt, eher das Leben der anderen, der Mehrheit, für das richtigere anzusehen, vor allem wenn ich sehe, daß sie einfach und fröhlich und zufrieden sind. – Wir? – Wir haben die Zerrissenheit, die Qual und die Sehnsucht — — –. Nein, Du hast natürlich recht: wir haben – vielleicht gerade deshalb – immer wieder auch eine Seligkeit, die alles andere übersteigt.

Ich freu mich nicht nur, daß Du mich an Deinen Gedanken, sondern auch daß Du mich an Deinem Leben teilnehmen laßt. Ich hoffe so sehr, daß G. nun einigermaßen sich wohl fühlt und daß ihm genug Wohlwollen entgegengebracht wird, daß er gefördert wird und sich entfalten kann. Ist die Anreise sehr verlängert durch die fehlende Brücke? – Die Drachengeschichte hast Du mir sehr lebendig geschildert. Ja, so sind die Männer – alle! (fast)

Weißt Du, was mir jetzt einfällt? Du sagtest einmal, daß Du den R. möglicherweise einmal ein wenig überfordert hast, puncto Tiefgang. Es kann ohne weiteres sein, daß er zum Verkraften, Verarbeiten, Atemschöpfen und neu Kräftesammeln dies alles von sich schieben muß – für einige Zeit. Vielleicht – wenn er ausgeruht hat – geht es wieder nach der anderen Richtung. Man wird immer mehr erwarten als erjagen, und am ehesten bei Kindern. Sei guten Mutes mein Schatz und mach Dir keine zu großen Sorgen und Gedanken!

Du sollst Dir auch nicht Vorhalte machen, was Du gesagt oder zu sagen unterlassen hast; wir waren beisammen und haben spüren dürfen, wie wir einander gut sind, und das überwiegt bzw. glättet alles Unvollkommene, nicht?

Ich habe das Bedürfnis, Dir ein paar Zeilen von Max Frisch aus der heutigen Presse beizulegen. Ich weiß, Du hast wenig Zeit und viel zu lesen. Aber es hat mir so gefallen, das gescheite Wort von Utopie und Transzendenz, daß ich denke, es wird auch Dir gefallen. (und viel ist es ja nicht). Die Buchauszüge von I. Lepp kriegst Du demnächst zurück. Was für einen Vortrag hast Du vor?

Nein, Irene hat nichts gefragt, ich hätte mich aber auch nicht gewundert und die Zusammenhänge schon durchschaut. Übrigens: zwischen einem Hörspiel und einem Theaterstück ist für Uneingeweihte wirklich nicht viel Unterschied: beides mit verteilten Rollen zu lesen, nicht? Oh ja, das kenn ich auch, daß mir untergejubelt wird, was ich gar nicht wollte, oder daß vor Publikum in den Dreck gezerrt wird, was mir heilig ist, nur, weil es eine gute Point ergibt oder sehr komisch wirkt, wenn man es ironisiert.

Trotzdem, mein Liebling, es geht recht gut, wenngleich es Zeiten gab, da dachte ich, es ginge keinen Tag länger. Und trotz allem hoffe ich, daß auch bei Dir alles wieder irgendwie in etwa zu einer gemeinsamen Basis … Du weißt schon. Ich weiß, daß Du Dich trotz allem darum bemühst – das schriebst Du mir auch – und auch ich will mit Dir kämpfen. Und da fällt mir eben ein, was H., der die Kämpfe und Gegensätze leider sehr klar mitgekriegt hat, uns einmal dazu zu sagen hatte: Er zeichnete nebenstehende Skizze und erklärte dazu: Das seid ihr beide, jeder sehr stark nach einer bestimmten Richtung ziehend, und zwar gegensätzlich, voneinander weg. Daß ihr aber aneinander gebunden seid, ist gut; ihr hindert einander, euch in die eigene Richtung zu verrennen und zwingt einander so auf halbwegs normalem Kurs zu bleiben.

Soviel unser Sohn. Ich glaube, er hat recht. Es wäre zu billig, sich nur sozusagen mit sich selbst (seinesgleichen) abzugeben, sich nicht auszusetzen dem anderen, andersartigen.

Habe ich Dir einmal „Die Möwe Jonathan“ geschickt? Ich glaube nicht. Ich hatte es vor, fürchtete aber dann doch, daß es Dir vielleicht läppisch erscheinen könnte. Aber immer wieder fällt es mir ein, bei dem einen oder anderen Wort, das Du schreibst. Ich glaube, ich werde mich doch nicht mehr lang beherrschen. Danke übrigens für die Retournierung von „Karin“. Es waren übrigens 2 Ablichtungen – suchst Du jetzt Deine??

So. Inzwischen ist es spät geworden. Ich hab meinen Süßen versorgt, mit P. einen Kanaster gespielt, Wäsche gewaschen und – besagtes Buch gesucht. LADISLAUS BOROS heißt der Mann, und jene Stelle lautet:

„…das lauschende Erleben einer Quelle … Auf einmal wird der Mensch seiner Entsprechung inne: Das bin ich … Alles in der Welt ist Ab-Bild, ist Ausprägung des Einen, Urhaften und Unfaßbaren, ist Fragment und Artikulierung eines Wesenhafteren. Das Sein selbst ist QUelle und FLamme, und deshalb und insofern kann es überhaupt Quelle und Flamme geben …

Nicht die Erfahrung der Dinge weist auf Gott hin, sondern Gott weist uns immer schon und im vornherein in die Welt der Dinge. Nicht Gott soll gefunden werden, sondern die Welt soll in unserem schon gotterfüllten Blick aufleuchten in ihrer Abbildlichkeit …“

Schön, gelt? Und jetzt, da ich blättere in alten Aufzeichnungen und Texten und mich der Freude erinnere, die mich so stark erfüllt hat, ist mir einiges davon wieder nachvollziehbar. Ich weiß wieder, daß ich beschenkt bin —

Ui jegerl, gleich kommt mein Alter heim. Kinder, wie die Zeit vergeht! Du siehst, wie kurz so eine Probe ist! Oder bin ich so eine Brodel? Du hättest in dieser Zeit natürlich das Fünffache hingekriegt. Aber – Du bist ja auch ein Profi – und ich bin nicht einmal Amateur.

Eine liebe 1. Klasse hab ich, herzige und anhängliche Zwutschkerln, ein paar Unruhegeister dabei; aber ich seh mich durchaus draus, d.h. ich hoffe, sie richtig behandeln zu können. In ein paar Wochen werden wir vielleicht schon etwas davon sehen.

Gute Nacht, mein Schatz, und viele viele liebe Grüße!

                                                                                                              Deine Elisabeth

24.9. Inzwischen bin ich mit Lepp fertig. Begeistert hat mich nicht nur der Inhalt (einige Anstöße puncto Hannes), sondern auch die leicht faßliche Schreibweise. Danke!

PS: In den allernächsten Tagen folgt noch ein Brief: Ich nehme Deine Aufforderung bezüglich Pfingsten ernst und kann mir’s nicht versagen, eine Epistel zu verfassen und auf Dich loszulassen! Busserln! 


Quellen zum zeithistorischen Kontext:
https://www.politik-lexikon.at/oesterreich1918plus/1970
https://www.die-besten-aller-zeiten.de/buecher/bestseller/meistverkaufte-buecher-aller-zeiten.html

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