Essling im Frühling

In Essling ist immer was los. Es lohnt sich oft, unter treffpunktessling.at zu schmökern. Die Esslinger haben seit einem guten Jahr sogar ein eigenes, sehr informatives und lesenswertes Stadtteilmagazin, von dem am 28.5.2021 die 4. Ausgabe erscheint: https://www.treffpunktessling.at/2021/04/18/essling_nr_4-ein_stadtteilmagazin

Beim „Stadtplanungs- und Schreibworkshop in Essling: Text verändert Stadt!“ waren zwar nur Zoom-Meetings möglich, die aber hatten es in sich. Wir haben uns damit auseinandergesetzt, wie wir Raum/Stadt wahrnehmen oder welche Stadtsymbole es gibt. Eine Aufgabe war es, durch Essling zu spazieren und daraus später einen Text entstehen zu lassen:

Essling im Frühling

Ich bin in Wien in Aspern daheim, Essling ist der nächste Bezirksteil der Donaustadt in Richtung Niederösterreich. In den vielen Jahren, die ich nun schon hier in unserem Haus mit Garten wohne, bin ich auch oft durch oder nach Essling gekommen. So haben wir uns, als die Kinder klein waren, immer wieder mit Freunden auf dem Spielplatz in der Kirschenallee getroffen. Später waren es die Gärtner in Essling, die uns mit ihren Jungpflanzen angelockt haben. Und seit einigen Jahren, ist es meine Arbeit als Buchhändlerin, die mich in die Esslinger Schule in der Simonsgasse führt: für Bücherlieferungen oder den Bücherverkauf bei der jährlichen Buchausstellung rund um den Elternsprechtag. Auch Natur und Kultur haben ihren Anteil daran, dass es uns manchmal nach Essling zieht: der Eingang zur Lobau bei der Esslinger Furt oder Lesungen von „Kultur im Wohnzimmer“ etwa. Der Rest ist Transit: Für den Eissalon in Groß Enzersdorf oder den Weg nach Orth an der Donau müssen wir zwangsläufig durch Essling fahren.

Apropos fahren – tatsächlich habe ich meine Wege nach oder durch Essling immer mit dem Auto zurückgelegt. Bis mein Mann und ich an einem schönen Frühlingstag während der Pandemie beschlossen, abseits von etwaigen Menschenmassen in Essling spazieren zu gehen.

Zuerst haben wir uns von Fredi’s Cafe einen Coffee-to-go gegönnt. Das Cafe ist gegenüber der Kirche, also im Ortszentrum, direkt an der vielbefahrenen Esslinger Hauptstraße. Während mein Mann uns die Kaffeebecher holt, warte ich vor auf dem Kirchenvorplatz auf ihn. Autos rauschen vorbei, im Hintergrund ist leises Vogelgezwitscher, Gesprächsmurmeln, warmer Wind, Abgasgerüche.

Mit den Bechern in der Hand gehen wir weg von der Hauptstraße. 30 Meter weiter, gleich hinter der Kirche treffen ein moderner Spielplatz und ein Gemeindebau aus den 1950er Jahren aufeinander. Hier ist das Autorauschen zwar noch zu hören, aber es dominiert die Geräuschkulisse nicht mehr. Ich schließe die Augen und höre Kinderroller auf dem Asphalt, Kindergelächter, Vogelgezwitscher.

Ein Durchgang führt durch die Gemeindebauanlage. Dahinter eröffnet sich eine andere Welt. Wir sind nur 50 bis 70 Meter weitergegangen und befinden uns in der Colerusgasse. Hier rauscht der Wind in den Bäumen, der Verkehrslärm ist kaum noch wahrnehmbar. Wir hören und sehen Kinder im Fußballkäfig, wieder und wieder knallt der Ball gegen das Käfiggitter. Hier ist Leben. Schön ist das, aber wohnen würde ich nicht wollen neben einem Fußballkäfig. Zarter Blütenduft liegt in der Luft.

Wir gehen durch die Gleichgasse und landen in der Schlachthammerstraße. Die kennen wir. Hier ist die Gärtnerei Gaderer, bei der wir schon öfter eingekauft haben. Da fällt meinem Mann ein, dass hier doch auch Reste der Flugzeugfabrik Aviatik zu sehen sind. Tatsächlich, auf Höhe Schlachthammerstraße 79c führt ein Feldweg zwischen zwei Häusern durch. Oben sieht man einen Betonträger, der wohl früher zu der Fabrik gehörte und nun nur noch eine Verbindung zwischen den beiden Häusern ist. Scheinbar nutzlos und doch Zeuge der Vergangenheit.

Wir entschließen uns, die Grossmanstraße entlang zu gehen. Während auf der linken Straßenseite Reihenhäuser stehen, sieht man rechts das gewachsene Essling in Form von Einfamilienhäusern. Tulpen blühen üppig, wir gehen an duftenden Sträuchern vorbei und genießen die Ruhe. Vereinzelt sind Menschen in den Gärten, ein Mann führt seinen Hund äußerln, sonst ist niemand zu sehen. Die Grosssmannstraße mündet in die Kaudersstraße. So viele unterschiedliche Häuser! Vom verwunschen wirkenden Kleingartenhaus aus längst vergangenen Zeiten bis zu Villen ist alles hier. Auch stilmäßig. So teilt sich etwa ein großes dunkelbraunes Einfamilienhaus aus Holz eine Mauer mit einem modernen, hellgrauen, kubusartigen Haus. Individualität wie ich sie mag. Sie zieht sich auch durch die Gärten. Von fast schon verwildert über ländlich bis schnurgerade ist alles vertreten, was dem Einzelnen gefällt. Schön, dass es dazwischen auch immer wieder unbebaute Grundstücke gibt.

Die meiste Zeit gehen wir auf der Straße. Es ist kein Gehsteig da. Das ist an einem Sonntagnachmittag kein Problem, es fährt kaum je ein Auto. Wir biegen ab in die Marburggasse und gehen Richtung Kirschenallee, wo entlang der gesamten Straße die Bäume in prächtig weißer Vollblüte stehen.

Die Kirschenallee säumt ein sehr breiter bewaldeter Grünstreifen mit Wiesen und Wegen. Wir entscheiden uns für den Weg durch den kleinen Wald. Beim Spielplatz, den wir schon kennen, legen wir eine Pause ein. Plaudernd sitzen wir auf einer Bank und erinnern uns an die Zeit, als unsere Kinder klein waren und hier auf dem Spielplatz herumtobten. Ich stelle fest, dass ich außer diesem hier keine Spielplätze in Essling kannte. Dabei war der Bewegungsdrang und die Neugierde unserer Kinder groß und ich bemüht, ihnen immer wieder neue Spielbereiche zu bieten. „Ein Wegweiser zu Spielplätzen wäre praktisch gewesen“, meine ich lachend. „Zum Beispiel gleich an der Kreuzung Esslinger Hauptstraße/Kirschenallee, wo auch die Autobushaltestelle ist. Oder direkt bei jedem Spielplatz. 500 m in diese Richtung ist der nächste Spielplatz, 250 m in jene Richtung ein weiterer und 800 m in wieder eine andere Richtung liegt noch einer. Dann hätten wir gemeinsam mit den Kindern auf Entdeckungsreise gehen können und gewusst, am Ende erwartet uns auf jeden Fall ein Spielplatz: die richtige Motivation, um unsere Buben zum Spazierengehen zu bringen.“

Später marschieren mein Mann und ich in der Kirschenallee an der Schule und den Sportplätzen entlang zurück zu unserem Auto. Wieder daheim der Eindruck: dieser Spaziergang durch den Nachbar-Bezirksteil hat sich ein bisschen wie ein Ausflug in eine andere Stadt angefühlt.

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